Sonntag 28. März 2010 Arlesheim – Le Puy en Velais

Regnerisch - kühl

Ich habe bei Eveline reserviert – Sommerzeitumstellung.
Im Dunkeln ging ich auf – machte meine Übungen, verabschiedete mich von allen und ging.

Basel ab 8.43
Mulhouse 9.18
  9.30
Lyon-Part-Dieu 13.16
  14.58
St. Etienne-Chateuacreux 15.41
  15.53
Le Puy 17.14

Alleine mit meinen 13 Kg Rucksack.
Die Fahrt war lang und wurde länger. Ein kleines Stück Zopf – es ist Sonntag. Das Wetter sah nicht günstig aus. Etwas dösen, sich kaum bewegen. In Lyon hatte ich zwei Stunden Aufenthalt. Bilette lösen, etwas essen, einen Kaffee trinken. Bereits hatte ich Kopfweh. Ich fand mich gut zu Recht in Lion Gare – liess alles an mir vorbei fliessen. Mit jedem Umsteigen kam ich Le Puy näher. Die Strecke St. Etienne – Le Puy war wunderschön, der Weg verlief einem Fluss entlang, zerklüftete Ufer, dann wieder flach. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern.
Ich war k.o., als ich ausstieg – auf direktem Weg ging ich zu Eveline – schön anzukommen und zu wissen, dass ein Bett bereit ist. Herzliche Begrüssung, einen Tee und Kuchen – viel erzählen. Mein Französisch war noch sehr harzig. Ich machte einen Spaziergang in le Puy – leere Strassen, leer fühlte ich mich – allein. Ich spürte nichts. Ich sass in der Kathedrale – es war so hart, den Stempel bekam ich nicht – ich zündete eine Kerze bei der schwarzen Madonna an. Spazierte weiter und kehrte wieder zurück. Immer noch verspürte ich Kopfweh und eine Leere. Ich versuchte mich im Zimmerchen zu entspannen.
Abendessen: Eveline, Gilbert und Bigot. Ein Herr aus Paris, der hier in Puy eine Villa umbaut, und z.Z. hier wohnt und eine Freundin von Eveline kam kurz vorbei.

Wir fingen mit Champagner an
Gemüsesuppe
 Kopfsalat mit Ei und Croutons
eine köstliche Lasagne mit verschiedenem Gehacktem
ein guter Tropfen Rotwein
Käse von hier
selbstgebackenes Brot
Fruchtsalat

Jetzt war ich überfressen.
Wir diskutierten über  vieles – die Eigenarten der Schweiz.
Im kleinen Kämmerchen versuchte ich zu schlafen, aber mein Bauch zog mich in die Tiefe, und liess mir keine grosse Ruhe zu.

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Montag 29. März 2010; Le Puy en Velais – St. Privat d’Allier

Wetter kühl, windig, sehr nasser Boden, 23,5 Km

Le Puy- La Roche- St. Christophe sur Dolaizon- les Bineyres -  Bains – Fay – la Lac de l’oeuf  - le Chier – St. Privat-d‘Allier

Früh  stand ich auf – ging in die Kathedrale um 7 Uhr war die Messe für die Pilger. Elf Pilger waren anwesend, aus Norwegen, Ch, F . Wir bekamen den Segen, den Stempel und einen Anhänger. Wir sind eine Familie.
Zurück bei Eveline, gab es ein Bombenfrühstück. Grapefruitsaft, Crêpes mit Konfi, Müsli m. Joghurt und Früchten, Brot. Hilfe, ich konnte nicht mehr essen. Sie packte mir noch die restlichen Crêpes ein, gefüllt mit Käse, Kuchen und Brot. Noch ein gemeinsames Foto und der Abschied war da.
Der Weg führte quer durch Le Puy in die Höhe. La Margeride – ein nasses Land, Steinmauern, Weite, Pferde. Das Wasser lief überall – und so sah ich bald aus, voll Schlamm… Der Wind bliess stark. Dazwischen hörte ich die Vögel. Gelbfinken, Nachtigallen, Stare. Es zwitscherte überall.  Wenn die Sonne durch die Wolken brach, wärmte sie. Dann kam wieder der Wind auf. Ich zog all meine Jacken an. Das Wasser wurde mehr, und wo der Weg eigentlich sein sollte, war ein Bach und ich musste dort vorbei. Zum Glück hatte ich die Stöcke. Es hatte grosse Steine. So balancierte ich mich rüber. Mein erstes nasses Hindernis hatte ich geschafft. Na, das ging doch gut. Doch ich frohlockte zu früh. Plötzlich platschte ich mit dem rechten Fuss ins Wasser…. Alles nass. Die Wege irritierten mich und ich verlief mich das erste Mal. Es war fast nichts ausgeschildert. O.k. nach Bains wollte ich nicht, so musste ich umkehren, fast einen Kilometer falsch gelaufen. Der nasse Boden irritierte völlig. Ich entschied mich doch nach Bains zu wandern. Die Nässe wich dem Wind. Rote Erde, Föhren Wälder – starker Wind. Es riss mich fast mit. Alleine unterwegs – ich kann meinen Wanderführer noch nicht wirklich lesen, vergesse immer die Brille aufzusetzen, so sehe ich gar nichts. Es ist ein harter Angewöhnungstag. Das linke Knie meldet sich mit ziemlichen Schmerzen. In Fay mache ich Halt und telefoniere für eine Unterkunft. Es ist ein hübsches Dorf, alles mit Steinhäusern.
Ich lasse los und esse etwas Kleines. Die Sonne wärmt, wenn es windgeschützt ist. Die Stöcke kann ich bestens einsetzen. Der Wind hatte einige Bäume geknickt und entwurzelt. Auf dem Weg, in den Mulden hatte es noch Schnee. St. Privat-d’Allier – es war erst 4 Uhr, als ich ankam, aber für den ersten Tag ist das o.k., ich muss nicht übertreiben und mein Bein schmerzt, den Rücken spüre ich auch. Mr. et Mme Micheli. In der Unterkunft wimmelte es von Schildern, was man nicht machen darf. Ich bin alleine in der Unterkunft. Duschen, salben. Die einzige Pilgerin.
Ich schaue mir das Dörfchen an – die Kirche gotisch schwer, düster. Der Wind blies immer noch. Das Dörfchen sieht wie eine Festung aus. Es hat auch eine Burg. Zurück im Zimmer, bestelle ich das Bett für morgen.
Punkt sieben Uhr gibt es Abendessen. Ein grosser Raum, hübsch eingerichtet. Wieder überall Verbotskarten. Mr. Micheli hat einen Heizofen angemacht. Es ist kühl.

Menu:

Gemüsesuppe (grün)
Linseneintopf mit Saucisson
Baquettes dazu Käse
Äpfel überbacken mit Biscuitfüllung

Es geht mir wunderbar – wieder aufgewärmt, satt, müde, darf ich am Tisch schreiben (eigentlich ist es verboten).
Im Sommer haben sie das Haus voller Pilger  – es ist wirklich anfangs Saison.

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Dienstag 30. März 2010; St.-Privat-d’Allier – Le Falzet

Regen, Schnee, Wind  29 Km

St.-Privat-d’Allier – Monistrol-D’allier – Vernet - Saugues – La Clauze - Falzet

Ich wachte auf, es begann zu regnen – als ich hinausschaute, hatte es eine Schneeschicht, es hatte über Nacht geschneit. Schnee, Regen, Hagel, Donner. Was mache ich hier.
Im grossen Saal alleine essen, die Heizung ist eingeschaltet. Ich brachte nicht viel runter.
Alles zusammen packen. – gut ausgerüstet ging es los. Ein Abschiedsfoto.
Der Weg  stieg stark an. Die Wege matschig, rutschig, nass. Es regnete, schneite, später kam der Wind böenartig, manchmal brach die Sonne durch die Wolken, sehr selten.
Ich genoss das Allein sein, kämpfte mit den aufgewühlten Wegen. Fussspuren im Dreck, dann plötzlich nicht mehr – ich ging den falschen Weg. Also wieder retour. Ginster am Wegrand, aber er blühte noch nicht – der Winter hält die Hand noch über dem Land. Über eine  Brücke  und wieder ging’s steil bergan in langsamen Tempo ging ich weiter. Es war Zeit für die Mittagsrast. Als ich aber realisierte, wie wenige Kilometer ich gegangen war, packte ich bald zusammen und marschierte weiter. Moorhochland, Föhrenwälder. Natur pur Wildnis. Der Wind und der Regen machten mir zu schaffen. Es stürmte, meine Hosenbeine wurden trotz Pelerine nass. Handschuhe, Stirnband, alles habe ich angezogen. Die Stülpen helfen mir enorm, ich habe das Richtige eingepackt.
In Saugues muss ich etwas Warmes trinken. Ich gehe in eine Spelunke. Die Männer reden anzüglich. Traurig, Alkohol trinken, Fettleibigkeit und Fernsehen. Ich könne doch bei ihnen wohnen, gratis, drei Tage, seine Frau sei nicht zu Hause. Ich ging nicht darauf ein, trank meinen Tee und ging – Also noch 10 Km. Wieder tauchte ich ein in die Moorlandschaft, wenn der Himmel gerade aufriss, sah es wunderbar aus. Schritt um Schritt, das Gewicht des Rucksacks spürte ich nicht. Alleine unterwegs – ich kämpfte wieder gegen eine Wetterfront an und stand es durch.
So vieles ist einfacher geworden, weil ich weiss, dass ich es schaffe. Ich limitiere mich nicht. Nach unendlich langem Wandern kam ich in Clauze an. Wie eine Festung trotzen die Häuser dem Wetter. Abgeschottet gegen Aussen – Ich telefonierte noch einmal. In Le Falzet, 1200 m, ja es seien ja nur noch 2 km. Zwei Herren seien schon da. Ich war glücklich, mein Ziel erreicht zu haben. Ich habe es geschafft. Trotzdem wurden diese 2 Km lang. Endlich erreichte ich den Bauernhof. Eine warme Stube. Zwei Herren, Vater und Sohn aus Paris. Sie liegen auf dem Bett. Ich fand ein schmuckes Zimmer, für mich alleine. Auspacken, duschen, Wäsche waschen. Um 7 Uhr gab es das Abendessen.

Suppe
Omelette mit Champignons
Nudeln mit Fleischkäse
Käse
Mandarine
Dazu einen Rotwein

Was brauche ich noch mehr? Plaudern, erzählen – den Stempel, Zeit zum Schreiben. Macht das etwas aus – eine warme Stube, eine warme Mahlzeit. Meine Schultern schmerzen. Ich habe die erste Blase am grossen, linken Zehen, macht nichts. Fühle mich rundum wohl.
Danke für den ganzen Reichtum dieses Tages.

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Mittwoch 31. März 2010; Le Falzet - Les Estrets

Schneesturm, Wind, Schnee   30 km

Le Falzet – Chanaleilles, Le Sauvage – les faux -  le rouget – St. Alban-sur-Limognole – Grazières- mages – les Estrets

Die zwei Franzosen gingen zuerst los – ich liess mir Zeit – das Wetter – es hatte geschneit in der Nacht, alles weiss. Schneewolken jagten über den Himmel. Tja, das wird etwas – es war beruhigend, die Spuren zu sehen. Einmal liefen sie falsch, ich auch. Dann ging es durch die Marcherade – Weite, Stille, Föhren Wälder, Steinmauern. Von allem sah ich wenig, weil ich mitten in einem Schneesturm war. – Es war mehr Überlebensübung. Ich kämpfte gegen das Schneetreiben an, der Schnee wurde mehr, desto  schwieriger war das Weiterkommen. Am Anfang schmerzte mir der Rücken, doch das vergas ich schnell mit solchen Wetterverhältnissen. Ich hetzte gegen den Sturm, es gab gar keine Möglichkeit zu rasten, mitten in der Natur. Die Schneeverwehungen waren massiv.
Ich hoffte einfach, die Wegweiser nicht zu verlieren. Es kamen mir wilde Geschichten in den Sinn, aber immer wusste ich, dass es weiter geht, dass ich da raus kommen würde. Meine Ausrüstung ist gut. Trotzdem kam ich an meine Grenzen. Wenn der Wind nur nachliess, was war das für ein Unterschied. Ich musste essen, im Wald im Sturm. Und plötzlich hörte es auf. Wie angenehm. Stille – Windstille, keinen Schneefall mehr. Ich beruhigte mich und konnte ruhig weiter gehen. Ich traf wieder die zwei Pariser. Der Vater hatte völlig durchnässte Turnschuhe, er sah kaputt aus. Ich genoss gerade 2, 3 Sonnenstrahlen an den glugsenden Bächen.
Dann ging es weiter, die Vegetation veränderte sich. Birkenwälder, Ginster, Vogelgezwitscher, der Schnee wurde weniger, dafür kamen jetzt Schlammstrassen, wie im Dschungel, das habe ich noch nie gesehen. Die Wanderschuhe versanken im Morast. Später wurde es trockener. In St. Alban telefonierte ich les Estrait – es gibt keine Mahlzeit, ich muss noch einkaufen gehen. Also machte ich das. Es zog sich dann noch enorm in die Länge. Ich mochte nicht mehr gehen, und das Gemüse war schwer. Die letzten Kilometer hängten schwer an. Dann endlich, ein grosses Haus, neu umgebaut für 18 Leute. Ich war allein, also sie sind noch am Umbauen. Kochen tun sie nicht. Ich bekam ein Bett im Massenschlag. Hinlegen – ausruhen. Meine Knie und Beine…. Alles schmerzt. Duschen, ich verbrühte mich fast am heissen Wasser. Kleider waschen – Noch einige Instruktionen, den Stempel, bezahlen 20Euro und weg war der Hausherr, ein Gîte ganz für mich alleine – unglaublich.
Dankbarkeit – essen , warm bekommen, morgiges Programm studieren.
Das Wetter wird nicht ändern, ich bewege mich noch immer über 1000 m. Ich werde es schaffen – Tag für Tag.

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Donnerstag, 1. April 2010; Estrets – Montros (1240m)

Bewölkt, Sonne am Schluss Schnee, die Sonne brach immer wieder durch,   32 km

Estrets – la route D7 – Aumont- Aubrac – la Chaze-de-Peyre – Lasbro – Quatre- Chemins – Moulin de la Folle – Finieyrols – Ferme des Gentanes – Rieutort-d’Aubrac – Montgros (1240m)

Irgendwie konnte ich gut schlafen. Viele Träume umgaben mich, manchmal schmerzten meine Beine. Es wurde Tag – und der Himmel war blau. Jetzt zog es mich hinaus. Ich frühstückte ausgiebig, holte noch Fleisch, Dörrbananen.
Der Morgen, frisch, eine feine Schneeschicht, klar über eine alte Brücke kam ich ins Aubrac Gebiet. Es muss unglaublich sein, wenn die Blumen blühen, aber auch jetzt im Winterkleid sah es fantastisch aus. Wildnis, die Bäume noch behangen mit Schnee, Steppenähnlich der Boden, Busche.
Ich tauchte ein in diese Landschaft – sog sie auf, wurde ein Teil von ihr. Ein Eichhörnchen begleitete mich. Ich spürte Dankbarkeit.
Aumont-Aubrac liess ich bald hinter mir, noch immer war ich eng in der Natur – La Chaze-de Peyre.
Dann war ich wieder in der Marcherade. Ein Zettel sagte, man solle auf der Strasse gehen, die Wege seien überflutet. Ich nahm es zur Kenntnis und ging trotzdem los. Am Anfang war es o.k. doch dann füllten sich die Wanderwege mit kleinen Seen. Ich staunte. O.k. gut überlegen, wie komme ich auf die andere Seite. Es wurde immer schlimmer, aber ich sah Spuren, also werde ich es auch schaffen. Einmal musste ich auf der Steinmauer entlang, es war alles unter Wasser. Ich fand es lustig, abenteuerlich – nichts von 0815 Wanderung. Das Balancieren, hüpfen und klettern machte aber auch sehr müde.
Meinen Knien musste ich gut zureden. – z.T. taten sie höllisch weh, wenn ich mich in etwas hineinsteigerte. Also, loslassen, ganz weich, langsam, Schritt um Schritt. Ich musste niemandem etwas beweisen.
Ich fand ein sonniges Plätzchen zum Essen. Aber bald bekam ich kalt und wanderte weiter.
An kleinen Dörfchen, Weiler vorbei, einmal sass ein Hund mitten auf der Strasse. Er rührte sich nicht vom Fleck, bellte aber auch nicht. Der Weg führte weiter  bergauf, sehr verschneit sah es aus, immer noch überquere ich nasse, überlaufene Wege. Z. T. mit Schnee. Der Himmel sah ziemlich bedrohlich aus, es sah nach Schneesturm aus. Ich bat um göttliche Hilfe und los ging’s ins Niemandsland. Nur Land, Weite, Weg, Wind, Schnee, nur Pampa. Ein kleines Stück über den Grat war zu. Dann brach die Sonne wieder durch die Wolken. Alles war wieder klar. Ich sah zwei Pilgerinnen in einer Herberge verschwinden. Ein kleines Stück mag ich noch weiter wandern. Doch dann klebte die Strasse an meinen Füssen. Die Sonne schien wieder, trotzdem, es tat mir alles weh. In Montgros sagte ich mir, wenn es hier eine Herberge gibt, dann wandere ich für heute nicht mehr weiter. Tatsächlich, am Ende des Dorfes – La maison de Rosalie. Ein Hotel, heute das 1.Mal offen. Super – ich bin die Erste. Für 50.—Euro Halbpension. Sie zeigte mir mein Zimmer – Myrtilles – zwei Stockwerke hinaufsteigen. Ich glaubte, ich sterbe. Endlich, erledigt fiel ich aufs Bett. Langsam duschen, cremen, Wäsche waschen – ich habe Sonnenbrand im Gesicht, obwohl ich mich am Morgen eingecremt habe. Als einziger Gast zum Essen:

Gemüsesuppe nach Bauernart mit Fleisch und Mandelsplitter
Lammvoressen mit buntem Gemüse
Salat
4 versch. Sorten Käse aus der Region
Crème Brullée
Ein Glas Rotwein
Thé disane

Ich kämpfte mich ins Zimmer – Wärme!

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Freitag 2. April 2010; Montgros – St. Crely-d’Aubrac

Sonnig, wenig Wind, 20 km

Montgros – Nasbinals – Col du Aubrac 1368m – ferme Ginestouse – Aubrac – Belvezet – St. Chély-d‘Aubrac

Der Wirt erzählte mir noch viel von den Pilgern. Barfuss kommen sie ins Restaurant, verlangen ein Becken mit Salzwasser – unglaublich. 7000 Pilger gehen hier jährlich durch, und ich bin die erste diese Saison. Sie reservierten mir noch im Gîte de St. André. Das läuft ja super. Ich frühstückte, zahlte und marschierte los. Ein wunderschöner Morgen, blauer Himmel, aber kalt, gefroren.
Ich erreichte bald Nasbinals, besuchte die Kirche, zündete Kerzen an – Stille. Danke für den Weg.
Ich machte mich auf den Weg, der Aufstieg zum Col du Aubrac. Eigentlich nicht ein Problem, aber der Weg war nicht gepfadet. Von wenig Schnee kam es zu viel Schnee, nur eine Spur zum Hinein stapfen. Unglaublich, ich hatte keine Ahnung, dass es so stieg. Schritt um Schritt. Ich wusste nicht, was mich erwartete und das war gut. Über Kuppen, Felder, alles tief verschneit, bis einen halben Meter Schnee. Der Schnee schimmerte bläulich. Man konnte nur in den Fussstapfen der früher vorbeigewanderten Pilger gehen. O.K., die Gegend wurde kahler, ich sah nur noch Schnee, allein in der grossen Weite. Wenn ich jetzt nicht mehr kann…. Nochmals steil hinauf, und da sah ich einen Punkt, einen Menschen – wunderbar. Sofort fühlte ich mich besser. Auf der Höhe hatte es ein kleines Häuschen. Zeit um etwas zu essen. Ich begrüsste das andere menschliche Wesen – Beate aus Deutschland. Mutter von einem Sohn. Wir assen hungrig, tauschten aus über die Grenzerfahrung, die wir gerade hinter uns haben. Der Wind blies. Es war gewaltig. Wir konnten zusammen gehen, es tat gut. Wolken und Wind kamen auf. Endlich, nach einem Kilometer im Tiefschnee, der wurde jetzt weich von der Sonnenwärme, erreichten wir die Strasse nach Aubrac. Ich stellte mir von Aubrac viel zu viel vor. – ein kleines Dörfchen, die Kirche zu – nun wir entschlossen uns, die normale Strasse zu nehmen, nochmals durch den Schnee wäre verrückt gewesen. Ausserdem waren  meine Schuhe schon nass. Wir stiegen 500 m hinunter. Auf der anderen Seite des Tals sahen wir den Weg, alles im Schnee. Wir kamen an den Aubrac-Rindern vorbei, sahen Schmetterlinge, Hummeln, die ersten Veilchen, es tat gut, der Schnee schmolz jeden Meter mehr. Wir lernten viel voneinander. Es war interessant, von den Erfahrungen zu hören.
Wir kamen in St. Chély-d’Aubrac an, und tranken noch etwas in einem Restaurant. Das tat gut. Bald kamen zwei Norweger vorbei, die Beate kannte. Sie klopfte ans Fenster, und sie setzten sich auch zu uns. Jetzt konnten wir nochmals das Erlebte durchgehen – es war eine Grenzerfahrung.  Ich machte mit Beate ab für morgen 9 Uhr und suchte mein Gîte auf, das ganz am Anfang des Dorfes war. Wau, was für ein Haus. Super neu renoviert, die Räume in gelb, orange, rot gestrichen, sauber, einladend. Ein grosser Raum zum Sein, ein Cheminée, ein gemütlicher Ecken. Im Moment bin ich allein im Zimmer. Später kamen auch die beiden Norweger, es sei das Billigste. Schön, duschen, Wäsche waschen, sein. Heute bin ich nicht so müde, aber die Knie spüre ich immer noch. Das Gîte füllte sich. Es kamen drei pensionierte Damen. Sie liefen den ganzen Weg im Schnee. Das Chminée wurde eingeheizt, damit die Wäsche trocknen konnte. Es gab ein Essen an einer langen Tafel:

Gemüsesuppe
Kartoffelgratin mit Fisch püriert
Salat
Käse mit Brot
Schwimmende Inseln (Vanillesauce mit Eiweissschaum)

Köstlich – ich nehme zu. Wir verständigten uns auf französisch und englisch. Es ging gut mit dem Sprachen hüpfen. Es war sehr angenehm, in einer Runde zu sitzen, auszutauschen. Bis jetzt war ich in Stille. Als Einzige hatte ich ein Zimmer alleine.
Zufriedenheit.

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Samstag, 3. April 2010; St. Chély-d’Aurac - Espalion

Bewölkt, Regen  26 km

St.-Chély-d’Aubrac – St.-Côme-d’Olt – Espalion

Aufwachen, meine Übungen machen – Frühstück mit den vier alten Damen. Wir hatten es lustig, tauschten noch aus – Adressen von Monique für Norwegen. Wenn man mit den Leuten redet, öffnen sich die Türen. Es war sehr herzlich und lustig. Ich musste los, meine Verabredung wartete. Ich suchte Beate – sie war noch am Zahlen. Gemeinsam stoffelten wir los, gut gestärkt, ausgeschlafen – bereit für einen neuen Tag.
Wir hatten ein ähnliches Tempo zusammen. Ergänzten uns gut, erzählten uns von unserem Leben. Auch in Stille  konnten wir gehen. Nach dem Alleine gehen war es eine Wohltat. Es war ein grosses Stück, das wir zurücklegten. Die Landschaft veränderte sich, die ersten Blumen streckten ihre Köpfchen aus der schweren Erde. Vogelgezwitscher, ein warmer Wind.
Zufrieden marschierten wir durch das Land, die Wanderwege z.T. immer noch Bäche, nass, wir sahen prächtige Aubrac Rinder, einen Stier, der uns anbrüllte. Kastanienwälder, knorrige Gestalten, die uns anblickten. Wir kamen an einer 7-ner Gruppe Pilger vorbei, hinten und vorne einen Sack (Bauch), kräftige Menschen, auch sie gehen den Weg. Bei einem sonnigen Plätzchen im Kastanienwald rasteten wir und stärkten uns mit Sandwiches. Das erste Mal diese Woche, dass es wirklich warm war. Ich stellte mich in einen Kreis von Kastanienbäumen, gewachsen aus der Mitte des toten Baumes. Kraft – Freude. Wir liefen weiter und bald kamen wir in Saint-Côme d’Olt an – eine mittelalterliche Stadt, wunderschön.  In der Kirche zündete ich eine Kerze an. Stille. Es gelüstete uns nach einer Mandarine. Als Ausgleich zu den Sandwiches.
Nun, auf Lebewohl, es war ein sehr angenehmer Tag zusammen mit Beate, stimmig. Sie ging ins Kloster übernachten.
Komisch, wieder alleine los zu laufen. Den Zeichen zu folgen. Aber ich wollte noch weiter nach Estalion.  Es war irritierend, der Strasse zu folgen mit Autos. Ich richtete mich aus – bald kam wieder ein Waldweg, ein Bach. Stetig ging es bergauf. Zwei Frauen in noch weissen Turnschuhen  kamen mir entgegen. Wir plauderten, da oben liege ein Mann mit grauen Haaren, sie seien wirklich erschrocken. Vielleicht ein Pilger beim Ruhen.
Ich wanderte nicht weit und begegnete Arne. Hallo. Ich erzählte ihm die Geschichte und los marschierten wir. Es stieg stetig an und der Himmel drückte. Es begann zu regnen. So zogen wir unsere Pelerinen an. Die Steine wurden rutschig. Meine Knie spürte ich fürchterlich. Aber wir waren gemeinsam unterwegs, sangen ein Taizélied in strömenden Regen.
Arne ist 62 Jahre, ich schätzte ihn auf 54 J., ist aus Dänemark, Masseur, gibt Reiki, Stonemassage, ist in einer Mediationsgruppe – singt. O.K. da sind viele Türen geöffnet. Dem Regen hielten wir Stand. Wir kamen in Estalion an und da es schon 6 Uhr abends war, hielten wir an. Mein Telefon hatte keinen Empfang mehr – ich konnte Ylenia nicht zum Geburtstag gratulieren. Fühlte mich völlig abgeschnitten von allem. Also gingen Arne und ich ins Gîte communale in Estalion. Wir mussten telefonieren und bekamen einen Code, damit wir ins Haus kamen. …..
Sesam öffne dich; im 3. Stock hatten wir ein 4-er Zimmer. Müde, nass, erholten wir uns, duschten, gingen ein Restaurant suchen mit echter französischer Küche mit einem Glas Wein.

Salat mit Crevetten-FischRöllchen in Rohschinken gewickelt
Fisch mit Kruste Couscous
div. Gemüse
Apfeltartlet warm
Ein Glas Wein

Viel erzählten wir von unseren Partnern. Schön. Von seinem Telefon konnte ich Thomas anrufen, dass er mir wieder das Telefon laden kann.
Ich bin reich beschenkt worden. Im Moment wurde mir Arne als Engel geschickt, sonst wäre ich ohne Telefon ziemlich blockiert gewesen. Beate kennt Arne…
Danke für den grossen Reichtum.

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Sonntag, 4. April 2010; Espalion - Golinhac

Bewölkt, sonnig, Regen  27 km

Espalion – St. Pierre-de Bessuejouis – Estaing – Montegut – Golinhac

Es sah grau aus. Irgendwie ohne Frühstück, Arne geht alleine weiter, draussen ist es grau und regnerisch. Ich packte langsam zusammen – suchte meinen Rhythmus, als ich hinunter kam, war das Frühstück schon gemacht – ein Ei, Joghurt, gutes Brot, Käse, eine Tomate, Kamillentee. Ja, so lässt es sich’s schmecken. Danke Arnes. Ich packte dann meine Sachen und ging. Tschüss Arne.
Seltsam, wieder alleine unterwegs zu sein. Ich fand mich aber bald und ausgerichtet ging ich weiter.
Die Wege waren annehmbar. Estaing ist eine wunderschöne Stadt mit einem Schloss in der Mitte, völlig mittelalterlich. Zuvor begegnete ich den 7 Franzosen. Ich fragte dann eine, ob sie mir nicht kurz das Telefon geben könne, um zu reservieren, da meines kaputt ist. Sie half mir und ich konnte in Golinhac reservieren.
Jetzt war mir um einiges leichter. In Estaing wanderte ich herum, bis ich nach der alten Brücke etwas ass.
Da kamen mir die beiden Brüder aus Holland entgegen – Hängg und Tieu. Hallo, wie geht’s? Ich hatte so Hunger, ass mein Sandwich. Sie liefen los. Später machte auch ich mich auf den Weg. Liebliche Gegend, Laubwälder, Kastanien, der Wald ist noch ohne Blätter. Aufstiege, nur zum Teil matschig. Ich konnte es fliessen lassen. Nur kurz kam ein Spritzer vom Himmel, danke, obwohl heute Regen gewesen wäre, laut Vorhersage. Wieder stiess ich zu ihnen, neben uns eine Herde Ziegen am einen mit Hirtenhund.
Und weiter ging’s. So erreichte ich irgendeinmal Golinhac. Ein junger Franzose kam mir schon entgegen. Es gehe noch 10 km etc. Aber ich merkte es, dass es ein Witz war. Die zwei Brüder waren schon da. Ich bekam ein Zimmer, es sind noch Junge von Dänemark da.
Bald darauf kam auch Arne und zum Schluss noch die siebner Gruppe aus Frankreich. Das ist eine grosse Familie.
Wir konnten zahlen, den Stempel holen, Kleider waschen. Das Essen war neben der Kirche. Ein Restaurant. Jetzt kam auch noch Anni und Elvi aus Österreich. Anni hatte sie oft gesucht. Nun hatten wir wirklich die ganze Gruppe beisammen.

Das Essen:

Gemüsesuppe
Bohnen
Kartoffelstock mit Poulet
Gebratener Apfel mit Caramel.

Die andern nahmen ein Glas Wein, ich nicht, weil ich ein Aspirin genommen hatte, wegen meinem Kopfweh. Wir hatten eine lustige Runde. Ich fühlte mich wohl. Schlotternd mussten wir wieder zum Hauptgebäude zurück. Ich bin sehr dankbar.
Anni schlief noch in meinem Zimmer – sie suchte die Österreicherin Elvi.

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Montag 5. April 2010; Golinhac - Conques

Sonnig, bewölkt    21 km

Golinhac – Campagnac – Espeyrac – Sénergmes - Conques

Frühstück, alle machten sich bereit und liefen los. Ich ging wieder alleine. Vor mir die Holländerbrüder.
Ein frischer Morgen, schönes Wetter.
Bald trafen wir auf die siebener Gruppe, einzelne Pilger, dann auf Elvi. Sie hat nur einen kleinen Rucksack.  Ich lief mit ihr den Rest vom Tag. Wir redeten über allerlei. Bei Pausen stiessen wir wieder auf die Brüder. Arne sauste hin und zurück, wie eine Feder ist er unterwegs. Jeder fand seinen Rhythmus  und trotzdem begegneten wir uns immer wieder.  Essen einkaufen war ein bisschen ein Problem. Frühlingsduft – Weite, Sonne. Wir hatten nicht soviel Kilometer bis Conque,  also machten Elvi und ich ein ausgiebiges Picknick. Das sind Ferien. Weiter ging’s. Auf Conques hinunter steigend, eine wunderbare Ortschaft. Alle Häuser mit Schiefer bedeckt.
Wir suchten das Gîtes d‘etape. Es war geschlossen wegen Desinfektion. Ich ging zurück zur Information, Tourist Office, die uns ins Kloster schickte. Auf dem Weg sah ich die Brüder mit einem Landsmann reden. Ich ging ein drittes Mal zurück, und schlussendlich brachte sie uns in ein anderes Zimmer, 12 Euro in einem Haus. Super. Wir waren alleine. Ich bestaunte die Stadt, traf wieder Elvi, hier hatte es nun eine Bäckerei. Wir trafen  Arne, Anni, die 4 alten Damen, sie kamen mit dem Auto hierher. Wir nahmen an einem kleinen Gottesdienst teil, mit Padres und Singen. Die im Kloster untergebracht waren, hatten die Mahlzeit inklusive. Die Holländer, Elvi und ich suchten ein Restaurant, ein edles Essen, etwas in die Länge gezogen, weil wir unten zuerst den Apéro nahmen. Es wurde ein toller Abend. Im Dunkeln kehrten wir durch die leergefegten Gassen zurück zu unserer Unterkunft. Eine weitere Pilgerin hatte sich bei uns eingefunden.

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Dienstag 6. April 2010; Conque – Livinhac-le-haut

Sonnig,   25 km

Conque – Noailhac – Decazeville – Livinhac-le-haut

Wir assen zusammen Frühstück, nur Wasser, Brot, Käse und Quiche. Die Französin ging schon bald.
Um 9 Uhr hatte die Post offen. Ich verabschiedete mich von Hängg und Tieu und sie gingen. Das Paket, 2 kg, kostete mich 17 Euro. Es ist es mir wert.
Los ging’s im schönsten Sonnenschein, hinunter ins Tal, dann wieder hinauf, andere Pilger waren unterwegs. Schon verpasste ich die Abzweigung und lief dann ganz falsch. Ich landete auf der Strasse und Hängg und Bruder hatten sich auch verirrt. So sieht man sich wieder. So lief ich alles der Strasse  entlang, bis nach Noailhac. Es wurde wärmer. Ein Wind blies. Ich kam ins Schwitzen, aber ich fühlte mich frei. Picknick bei Kapelle mit Hängg und Tieu. Bei der Kreuzung, wo die Beiden Routenvarianten wieder zusammen führten, kam Elvi gelaufen – völlig ausgelaugt. Sie hatte noch nichts gegessen. Kein Frühstück, kein Lunch. Sie lief auf dem letzten Zacken. So fütterten wir sie. Sie wollte so schnell nach Desazeville, dass ich sie ziehen liess. Ich sah andere Pilger, so lag ich auch ins Gras. Die Sonne schien stark. Bis nach Desazeville war es noch eine Strecke. Hunde bellten, es war harte, sehr viel Strasse, das spürte ich an meinen Füssen. In Desazeville sah ich wieder Hängg und Tieu. Gemeinsam suchten wir die Stadt auf – als wir beim Einkaufsladen waren, kam Elvi heraus. Unglaublich. Wir kauften zu viel ein und tranken einen Tee/Café. Das tat gut.  Dann nahmen wir noch das letzte Stück bis Livinhac. Da ging es nochmals steil hinauf. Wir spürten es alle. Langsam kamen wir voran.
Anfangs Stadt trennten sich unsere Wege. Elvi suchte ein Hotel. Wir schauten beim ersten Platz herein. Die Frau regelte alles – aber das Haus war super, schlicht und schön eingerichtet, lieblich in den Farben. Wir drei staunten über den Komfort, Badezimmer im Zimmer, einen grossen Garten. Duschen, waschen, ein Bier trinken. Thieu  zahlte mir eins. Rückenmassage gegenseitig – es war eine Wohltat. Wir sind richtige Freunde geworden.
Später, 11 Pilger, konnten wir beim Campingplatz in einem Zelt essen gehen. Megaportionen.

Zwiebelsuppe mit viel Käse
Salat mit Wurst, Ruebli, Randen
Ente, Pommes, Bohnen
Schwimmende Insel
Dazu gab es Wein und Wasser

Es waren alle Franzosen, ausser wir drei. Wir hatten eine lustige Runde. Zurück im Zimmer, waren wir zufrieden mit vollen Bäuchen bereit für einen verdienten Schlaf. Es ist einfach wunderbar, die Begegnungen mit fremden Menschen, für kurze Zeit verbunden im Guten, bevor wieder jeder seinen Weg geht.

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Mittwoch 7. April 2010; Livinhac-le-Haut - Figeac

Bewölkt, Regen     25 km

Livinhac-le-Haut – Montredon – Saint Félix – la route 2 - Figeac

Frühstück mit der ganzen Gruppe, alles zusammen packen, mit der Zeit bekomme ich Routine, alles hat seinen Platz, und aufbrechen in den neuen Tag. Kaum waren wir auf dem Weg, war Elvi schon am Warten. Von der Temperatur war es o.k. Warm, feucht, manchmal regnete es kurz. Elvi hatte Mühe, ohne Stöcke, die Hände trugen verschiedene  Plastiktaschen. Die Wege waren z.T. trotzdem sehr matschig und nass. Viele Kühe, Rinder, im Dunst, spanische Stiere. Wir liefen vorbei und sie kamen alle in Trab. Weiler mit Steinhäuser, oft am zerfallen. Wir sahen immer wieder Leute vom letzten Übernachten. Zwischendurch regnete es wieder kurz. Ein angelegter See, Spiegelungen. Zeit um eine Mittagspause zu machen. Hängg und Thieu machten mit. Erst beim Essen merkte ich, dass ich Hunger hatte. Kühe wie in Friesen.
Die Wege wurden grün, ein sanftes Grün mit Blumen am Wegrand. Dann wieder Regen, Zeit um einen Tee zu trinken. Das Restaurant füllte sich, es war unglaublich wir trafen uns alle wieder. Aufwärmen, trinken, lachen. Es regnete nicht so stark und weiter ging‘s.
Die Häuser hatten jetzt eine andere Bauform. Patrizierhäuser, Zypressen, Palmen. Es könnte auch irgendwo in Italien sein. Der Abstieg nach Figeac. Eine grosse Stadt, 10‘000 Einwohner, viele Autos. Das Beste ist in Office de Tourisme.
Hängg und Tieu waren dabei, Elvi ging wieder ihren Hotels nach. Wir fanden das Gîte Carmel. Es hatte  noch genau 3 Betten. Unsere Rucksäcke mussten wir sofort in Abfallsäcke machen, wegen der Ungezieferplage. Die zwei Gîtewarte arbeiteten gratis für zwei Wochen. Guy und Lili. Das Gîte hat 8 Plätze, ist angeschlossen ans Caminerkloster, sehr religiös. Es roch schon sehr nach gutem Essen. Ich konnte duschen und dann ging’s los zum Bahnhof. Ich musste meine Heimreise regeln – das Billet regeln, kaufen. Ich werde jetzt noch zwei Etappen weiter wandern und dann mit einem Taxi zurückfahren. Mein Zug geht um 8 Uhr am Samstag, über Paris. 108.—Euro. Es war ein trauriger Moment. Das Hotel kostet 50. —Euro. Bei unserer Unterkunft kann ich nicht reservieren. Als ich es erzählte, sagte mir Lili, es sei voll in Ordnung, sie reservieren mir ein Bett.
Eine Pilgerin in unserem Zimmer ist sehr laut, halb Spanisch, halb Französin, sie weiss es, es ist alles so, wie sie es erlebt. Es war zu viel Energie für mich. Sie ist so laut, und stellt sich in den Mittelpunkt. Für jeden Pilger bedeutet diese Reise wieder etwas anderes. Ich musste mich schützen. Sehr heftig. Ich merkte, dass mein Energiefeld viel zu offen und verletzlich ist.
Das Essen war ausgezeichnet:

Suppe
Blumenkohl-Kartoffelauflauf
Schweinekotelett
Salat
Brot & Käse
Wein

Wir sangen das Ultreiya Lied, eine zwei brach in Tränen aus.
O.K., ich bin gereinigt, ich bin, viel hab ich schon losgelassen, danke, dass meine Emotionen sich so geglättet haben. Dass ich eine Stärke habe, eine gute Basis.
Ich bin dankbar, für diesen Ort, für diese Runde.

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Donnerstag, 8. April 2010; Figeac - Cajarc

Sonnig, bewölkt       30 km

Figeac – La Cassagnole – Faycelles – Gréalons – Cajarc

Virginia, die laute Spanisch-Französin, hustete ziemlich in der Nacht. Hänggs Bett krachte irgendeinmal in der Nacht. Ich wendete und drehte mich im Bett.
Frühstück früh am Morgen. Umarmungen, gute Wünsche und weiter ging’s.
Ich habe mein Bett reserviert für Freitagabend. Steiler Anstieg, das Wetter noch kühl, aber die Sonne kam. Ich marschierte voran, aber Häng und Thieu holten bald auf. Ich  genoss das Allein sein, das Allein laufen. Elvi fehlte mir nicht wirklich. Ich richtete mich aus, und war Teil der Natur.
Die Gegend änderte sich wieder. Viele Pilger kamen dazu, andere gingen wieder. In Interwallen  sah man sich wieder – eine Familie, ein Lächeln. Eine Pause in Faycelle, dann ging es eiter. Wunderschönes Wetter.
Ein wunderbarer Platz zum Picknicken. Ich fühle mich so wohl bei Häng und Thieu. Dann kam ein Schotte, in der Tracht, stolz, engstirnig, wie ein junger Bulle.
Wir liefen alle in Stille, manchmal kurzes Austauschen. Die Erde Terra Cotta, Vogelgezwitscher, viele Kuckucksrufe. Die Blumen an den Wegrändern, beruhigend.
Manchmal hielt ich nicht Schritt mit Hängg und Thieu. Vor Cajarc lechzten wir nach einem Kaffee. Aber wir fanden nirgends einen Ort zum Einkehren. So gaben wir nochmals Tempo. In Cajarc im Gîte hatte es noch ein einziges Dreierzimmer. Die Engel sind mit uns. Ankommen, ruhen, duschen, Kleider waschen.
Wir gingen ins Städtchen, ich versuchte noch herauszufinden, wie ich morgen zurück komme. Der Bus fährt nach Figeac. Also, ich habe mich entschieden. Ich werde nicht mehr weiter laufen. Ich bleibe hier und werde noch Figeac anschauen, bevor ich zurückkehre. Zum Glück wusste ich den ganzen Tag nicht, dass es der letzte Tag war.
Es ist ein Hauch von Traurigkeit, meine Freunde zu verlassen.
Wir feierten den Abschied gebührend mit einem Bier und einem köstlichen Essen:

Salade
Teigwaren mit Schinken
Kartoffel mit  Schinken und Salat Quarkdipp
Glacé, Sorbet, Kuchen, Panne Cotta
Wein, Kaffee

Philosophieren, Dankbarkeit, Fülle, Freunde, Freundschaft. Mit vollen Bäuchen rollten wir heim. Komisch für mich, jetzt auszusteigen.

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Freitag 9. April 2010; Cajarc - Figeac

Sonnig, bewölkt

mit dem Bus retour

Diese Nacht schlief ich ganz schlecht. Hängg schnarchte unglaublich. Auch lag eine Traurigkeit über mir. Der Morgen kam, der schrille Wecker von Hängg, das Ritual, strecken – bewegen, Füsse salben, Pflaster, anziehen, Rucksack packen – ich machte es mit, dabei werde ich still stehen. Eine Unruhe ergriff mich.
In Stille das Frühstück, Blicke – es ist nicht zum Lachen. Dann waren sie soweit, meine Holländer, feste Umarmung, alles Gute für den Weg – im Geist bin ich mit euch. Ein letztes Foto und ab gingen sie.
Ich musste die Tränen herunter schlucken, die Spannung ist enorm, ein starkes Band zwischen uns, das gewachsen ist in Stille und meines wird jetzt durchschnitten. Ich schaute, wann der Bus fährt, 9.55. Also nahm ich die Stöcke und marschierte los, zur Grotte von gestern, den Berg hinauf – die Sonne ging auf, die Vögel zwitscherten. Vor der Höhle ein Gloschar, der schon in Figeac am Bahnhof war. Er rasierte sich – o.k. es gibt kein zurück ziehen in die Höhle. Ich stieg weiter und auf der Höhe setzte ich mich auf einen Stein, schaute ins Tal, nach Cajarc und liess los. Ich bedankte mich für die wunderschöne Zeit. Jetzt kam ich bei mir an, ich konnte es annehmen. Mit dem Bus ging es zurück nach Figeac. Ein bisschen weiter und dann zurück. Ich genoss die Landschaft so schnell sauste sie an mir vorbei. Es war wie eine Rückblende. Ich bin es nicht mehr gewöhnt. Am Bahnhof sagte ich das Hotelzimmer ab. Im Office de Tourisme stelle ich den Rucksack ab – dann entdeckte ich Figeac, lief die Treppen rauf und runter, die Gassen, ich musste mich bewegen. Bei der Kirche setzte ich mich auf eine Mauer in der Sonne und ass mein Sandwich, Frucht, Dörrfrüchte. Zwei Eidechsen waren nicht unweit von mir und blieben dort. Ja, meine zwei Freunde.
Später setzte ich mich beim Museumsplatz hin, ich schlief fast sitzend ein, die Wärme. Das Museum über Schriften, Hieroglyphen, Rousillion, der in diesem Haus aufgewachsen ist ein Pionier auf diesem Gebiet. Der Stein der Rosete. Es war interessant, aber meine Müdigkeit war enorm. Ein Espresso und ich erwachte wieder. Einige Souvenirs einkaufen, Feigenessig, Gléefrüchte, Linsen. Ein Buch zum Lesen auf den Heimweg und dann ging’s ins Carmel. Schön, zurück zu kommen. Ich war im oberen Zimmer untergebracht, bis jetzt alleine. Eine Kerze anzünden in der Kirch. Danke für die reiche Zeit.
Ich ging ins Carmelkloster, zur Vesper mit den 8 Schwestern. Sie dürfen nie hinaus. Es sind viele schon alt. Wie kann man so ein Gefängnis wählen, so eingeschränkt. Ich erschrak. Abendessen mit zwei Irländer und Engländer und ihre Kollegin, von Porrentrout, (wir waren in der Predigt in der Kathedrale von Le Puy.) besuchte sie. Gemütliches essen, alle konnten gut französisch. Nach dem Essen fuhr  mich Lilou zum Bahnhof. Damit ich die Daten bestätige. Der Herr hinter dem Schalter war ziemlich unfreundlich. Morgen fahren keine Züge – Notnummer und tschüss. Super – was mache ich jetzt. Den 2. Anlauf nahmen wir mit Lilou zusammen. Jetzt redete sie am andern Schalter. Ein Bus fährt morgen bis Brive und von dort fährt der Zug bis Paris. Dort ist wieder vieles unsicher. Aber immerhin, ich bekam viele Infos, Reservierungen, ob der Zug dann fährt, ist eine andere Sache.
Morgen ist ein langer Reisetag – alles ist anders als geplant. Irgendwie und irgendwann werde ich nach Hause kommen.

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Samstag, 10. April 2010; Figeac - Basel

Zugstreik - Heimreise

Ich habe geträumt, ich sei unterwegs nach Hause. Ein Wegweiser in die Schweiz, ein Wegweiser in Frankreich. Da kann ich ja nach Hause wandern. Aber ich hatte nicht alles Gepäck bei mir. Also musste ich zurück.
Ich schlief sonst gut. Ein sonniger Tag.
Um 7 Uhr frühstücken. Ich blieb ruhig, versuchte ganz gelassen den Tag anzugehen. Eine Dusche, langsames zusammen Packen, Essen einkaufen für den Weg. Es hatte einen wunderschönen Märt – ich schlenderte durch und fand etwas zum Anziehen und einen Honig von dieser Gegend. Die Zeit verging. Lilou brachte mich zum Bahnhof. Wir klärten nochmals die Zeiten:
Ursprünglich:

8.00 Figiac 11.35 Figiac mit Bus    
9.14 Brive 13.15 Brive    
9.30 Brive 13.41 Brive 14.40 Brive
13.42 Paris Austerlitz 17.41 Paris Austerlitz 18.50 Paris Austerlitz
16.41 Paris Est 18.24 Paris Est 19.24 Paris Est
21.33 Mulhouse Ville 21.28 Mulhouse 22.28 Mulhouse
22.52 Mulhouse Ville        
23.14 Basel        

 

Ja, der Bus fuhr, super. Abschied von Milou. Als der Bus endlich abfuhr, sah ich einen roten Rucksack am Boden liegen. Hat mir jemand den Rucksack wieder heraus genommen? Es durchzuckte mich. Loslassen, vielleicht komme ich jetzt ohne Rucksack heim. Ich freute mich umso mehr, als der Rucksack dann doch im Bus mittransportiert wurde.
Zug auf Monitor angegeben, Peron gefunden, der Zug hat über eine Stunde Verspätung. Zuerst waren die Waggons nicht angegeben. Später stiegen viele, ich auch in den Zug nebenan ein, der fuhr auch nach Paris. Die hintersten Wagons waren nicht reserviert. Gut, ich sitze im Zug nach Paris. Dort musste ich weiter sehen. Es war erstaunlich, wie die Franzosen gelassen mit dem Streik umgehen. Irgendwie kommen sie ans Ziel, einfach mit Improvisation. Mein Telefon geht wieder – ich rufe kurz heim an. Paris Austerlitz – ich musste alle Kräfte in mir mobilisieren. Metro finden, Billet lösen, die sieben Stationen fahren, zum Gard de l`Est, die Zugsabfahrten abchecken. In 4 Minuten fuhr ein Zug nach Mulhouse.
Wau, das klappte aber – eine Stunde später, als meine Reservierung. Ich nahm mir einen Platz in der 1. Klasse.  Völlig erledigt, das war ein Sprint – liess ich mich in den Sessel fallen.
SMS an Thomas, ob er mich in Mulhouse abholt. Ich habe es auf die Reihe gebracht, denn ich war mir lange nicht sicher, ob ich noch in Paris übernachten muss, bevor die Reise weiter geht.
Dann war ich nur noch müde. Fix und fertig. Vielleicht war es so einfacher, wieder in meine Welt zu Hause einzutauchen.
Ich danke für die reichen Erfahrungen, die ich machen durfte.
Ich bedanke mich für die vielen Pilger, die mit mir ein Stück auf meinem Weg gingen.
Ich bedanke mich für den Schutz, den ich jederzeit hatte  und das Vertrauen, das ich aufbauen konnte.
Ich bedanke mich für meinen Körper, der all die Strapazen super gemeistert hatte.
Ich bedanke mich, wieder gesund daheim angekommen zu sein und nun all meine Erfahrungen in meinen Alltag integrieren darf.

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